Iskender „Isky“ Iscakar hat im Sommer die Rolle als Cheftrainer der SPG SCR Altach / FFC Vorderland übernommen. Im Interview spricht er über den anstehenden Saisonstart, die Entwicklung des Frauenfußballs und seine ehrgeizigen Ambitionen mit der SPG SCRA / FFC.

1.) Du hast im Sommer das Zepter bei der SPG SCR Altach / FFC Vorderland übernommen. Was hat dich davon überzeugt, Teil dieses Projekts sein zu wollen?

Ich hatte das Glück, in den vergangenen Jahren viele unterschiedliche Erfahrungen im Fußball sammeln zu dürfen. Jetzt bin ich an einen Punkt gekommen, an dem ich mir selbst das Versprechen gegeben habe, dass mich meine nächste Trainer-Aufgabe packen muss. Das war bei der SPG SCR Altach / FFC Vorderland innerhalb weniger Minuten der Fall. Nach dem ersten Gespräch mit den Verantwortlichen war es eine einstimmige Entscheidung von Kopf, Bauch und Herz, dass ich dieses Projekt unbedingt angehen möchte. Ich war in den vergangenen Jahren immer ein interessierter Beobachter des FFC und sehe im Zusammenschluss nun die Chance, uns noch einmal auf eine neue Stufe zu entwickeln. Bei aller Professionalität war es für mich aber auch eine Grundvoraussetzung, dass ich genügend Zeit für meine Familie aufbringen kann.

2.) Du bringst jede Menge Erfahrung als Trainer mit, bislang aber noch nicht im Frauenfußball. Gab es Dinge, die für dich in den vergangenen Wochen neu waren?

Es gab im Vorfeld tatsächlich Menschen, die mich davor „gewarnt“ haben, dass die Aufgabe als Trainer im Frauenfußball doch eine ganz andere sei. Nach den ersten Wochen kann ich aber sagen, dass Sportlerinnen und Sportler genau gleich ticken. Auch meine Aufgabe hat sich nur dahingehend verändert, dass natürlich in der Bundesliga viel höhere Umfänge trainiert werden und gute Planung und Trainingsvorbereitung deshalb das „A und O“ ist. Vielleicht ist der Frauen-Fußball sogar noch etwas emotionaler und die Spielerinnen nehmen etwaige Korrekturen von mir noch ernster, als ich das aus dem Herrenfußball gewohnt war. Auch dahingehend möchte ich aber keine Verallgemeinerungen vornehmen, weil jede Spielerin individuell anders ist.  

3.) Nach fast sieben Wochen Vorbereitung werdet ihr in knapp zehn Tagen in die Saison 21/22 der Planet Pure Frauen-Bundesliga starten. Siehst du euch gerüstet für den Pflichtspielstart?

Ich glaube schon, dass wir uns Schritt für Schritt der Form nähern, die wir zum Pflichtspielstart auf den Platz bringen wollen. Man darf nicht vergessen, dass durch den Umzug nach Altach in diesem Sommer sehr viele Dinge parallel passieren mussten. Umso mehr hat es mich beeindruckt, wie wir alles unter einen Hut bekommen haben: Angefangen von der Kaderplanung bis hin zu einem Haus, das wir für unsere Legionärinen in Eigenregie renoviert haben. Dazu waren zu Beginn der Vorbereitung noch einige Spielerinnen im Urlaub. Mittlerweile sind wir aber vollzählig und man merkt, wie sich die Qualität von Training zu Training steigert.  

4.) Über die Aussagekraft von Testspielen lässt sich streiten. Sie sind aber zumindest ein Parameter, in welche Richtung es gehen kann. Wie ordnest du eure bisherigen Leistungen ein?

Wir hatten sehr positive Spiele, wie das 2:2 gegen Young Boys und zuletzt auch Spiele, wo am Ende das Ergebnis dann vielleicht nicht so gepasst hat. Wir wissen das sehr gut einzuordnen. Insgesamt stimmt die Richtung und wir werden uns die Zeit geben, die es braucht, um gewisse Dinge zu entwickeln. Alle unsere Neuzugänge bringen eine enorme Qualität mit und es ist unsere Aufgabe jede so einzusetzen, dass sie uns als Mannschaft bestmöglich verstärkt.

5.) Welchen Eindruck konntest du von den bisherigen Neuzugängen gewinnen?  

Fangen wir mit der Jüngsten an: Rieke Tietz ist deutsche U20-Nationalspielerin und hat bei Turbine Potsdam eine tolle Ausbildung genießen dürfen. Es ist ihr erstes Auslandsjahr und natürlich ist noch Vieles neu für sie. Sie ist aber eine Spielerin, die uns mit ihrer Technik, Geschwindigkeit und Robustheit mit Sicherheit viel Freude bereiten wird.

Julia Kofler ist Teil des Österreichischen Nationalteams. Aufgrund ihrer Verletzungen hatte sie bei Werder Bremen zuletzt einen etwas schwereren Stand, aber ihre Qualität steht außer Frage. Sie bringt sowohl offensiv als auch defensiv außergewöhnliche Fähigkeiten mit und ist als Persönlichkeit ein Vorbild, gerade für unsere jüngeren Spielerinnen.  

Last but not least Viktoria Pinther: Über ihre Qualitäten muss man nicht viel sagen. Sie ist 26-fache Österreichische Nationalspielerin, war in Leverkusen eine wichtige Stütze und ist einfach auch mit ihrer Art jemand, die den anderen vorlebt, wie Erfolg im Sport gehen kann. Viki ist eine unheimliche Bereicherung für unsere Mannschaft und ich bin sehr froh, dass wir sie davon überzeugen konnten, hier in Altach den nächsten Schritt in ihrer Entwicklung zu machen.

6.) Der Zusammenschluss des SCR Altach und des FFC Vorderland ist ein sehr ambitioniertes Projekt, das an sich selbst den Anspruch stellt, gemeinsam mit Kooperationspartner FC RW Rankweil, den Vorarlberger Frauenfußball weiterzuentwickeln. Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Schritte?

Ich denke, im Fußball hat in den vergangenen Jahren generell ein Umdenken stattgefunden. Gewisse verkrustete Strukturen der Männerdomäne Fußball brechen auf und der Frauenfußball bekommt nach und nach mehr Platz, um sich zu entfalten. Das haben auch die Projekt-Verantwortlichen der SPG SCR Altach / FFC Vorderland glücklicherweise frühzeitig erkannt und den Stein für die Spielgemeinschaft ins Rollen gebracht. Der wichtigste erste Schritt war sicher der Zusammenschluss selbst. Jetzt gilt es hier die Strukturen zu etablieren und nachhaltig weiterzuentwickeln. Der FC RW Rankweil nimmt für uns dabei eine enorm wichtige Rolle ein. Zum einen leisten sie seit vielen Jahren sensationelle Arbeit im Nachwuchsbereich, zum anderen gibt es so aber auch die Möglichkeit, talentierten Spielern den Zwischenschritt in der 2. Liga zu ermöglichen. Ich glaube, wenn man sieht, was schon jetzt im Unterbau passiert, wird sich der Frauenfußball in den kommenden Jahren noch einmal enorm weiterentwickeln. Als Vater von zwei jungen Mädchen freut mich das natürlich umso mehr.

7.) Der Frauenfußball ist im Vormarsch, die SPG SCRA / FFC wird als erstes Frauen-Bundesligateam ihre Heimspiele im Stadion austragen. Wie sehr hilft dieses Argument bei Transfergesprächen und wie groß ist auch deine persönliche Vorfreude auf die Spiele in der CASHPOINT Arena?

Es war tatsächlich bei jedem Transfergespräch Thema. Für uns ist es schon etwas ganz Spezielles, unsere Heimspiele in der CASHPOINT Arena bestreiten zu dürfen. Ich muss auch ehrlich sagen, dass das auch für mich ein Argument war, weshalb ich sofort Feuer und Flamme für diese Aufgabe war. Im Zuge des Fototermins vergangene Woche waren wir erstmals als Mannschaft auf dem Rasen und es ist schon noch einmal ein ganz anderes Gefühl, als wenn du oben auf der Tribüne sitzt. Die Vorfreude auf das erste Heimspiel ist riesengroß.

8.) Der größte Teil deines Teams arbeitet oder studiert neben dem Fußball. Wie groß ist der Aufwand, den die Spielerinnen wöchentlich auf sich nehmen?

Wir trainieren viermal am Abend, dazu mit den Spielerinnen, die frei nehmen können, zweimal am Vormittag. Zusätzlich gibt es in der Regel noch zwei individuelle Einheiten, die die Spielerinnen zuhause erledigen. Mit dem Spiel am Wochenende macht das schon einen enormen Aufwand. Wenn man dann bedenkt, dass die meisten arbeiten, studieren oder noch zur Schule gehen, ist das nur, mit einem ungeheuren Ehrgeiz und der Bereitschaft viele andere schöne Dinge hintenanzustellen, zu schaffen.   

9.) Realistisch betrachtet: Ist es in deinen Augen möglich, dass auch die Frauen-Bundesliga irgendwann ausschließlich durch Profi-Spielerinnen besetzt sein wird?

Das wäre natürlich der Wunsch, weil sich der Output automatisch verbessert, wenn nicht nur die Strukturen professionalisiert werden, sondern sich auch Spielerinnen und Staff ausschließlich auf den Sport fokussieren können. Ob es realistisch ist, ist momentan schwer einzuschätzen.  

10.) Zum Abschluss noch ein Blick in die Zukunft: Was möchtest du über deine Zeit bei der SPG SCR Altach / FFC Vorderland sagen können, wenn du dein Amt als Cheftrainer irgendwann übergibst?

Zunächst einmal hoffe ich, dass das nicht allzu bald der Fall sein wird (lacht). Ich möchte einfach nur sagen können, es war eine geile Zeit. Wenn wir dann noch die Großen unserer Liga geärgert haben und selber mal vorne rein schnuppern konnten, ist denke ich vieles richtig gelaufen.  

Steckbrief:
Name: Iskender Iscakar
Geburtsdatum: 07.02.1974
Nationalität: Türkei
Position: Cheftrainer SPG SCR Altach / FFC Vorderland